Schützt endlich unsere Kinder!
Ein Beitrag zum Themengebiet Politik, geschrieben am 26. Oktober 2010 von MichaelKFRTL2, der Trash-Sender Nummer Eins im deutschen Fernsehen, sendet derzeit “Tatort Internet” eine zehnteilige Fernsehserie zum Thema sexuellem Missbrauch von Kindern. In den Medien wird die Sendung größtenteils stark kritisiert. Mal wegen der schnellen Schnitte wie aus einem Actionfilm und der posaunenden Musik, welche direkt von Hans Zimmer kommen könnte. Mal weil das Fernsehen Exekutive spielt. Mal weil den Sendung nur Ängste schürt. Und ein anderes Mal, weil die Persönlichkeitsrechte der vermeintlichen Täter nicht gewahrt werden. Es gibt also mannigfaltige Gründe diese Serie zu kritisieren und ich finde es auch sehr positiv, dass dies so ausgiebig getan wird.
Seltsam finde ich jedoch, dass ich so wenig über die Hintergründe der Sendung lese. Dass sich kaum jemand die Mühe macht, das große Ganze zu sehen. Warum macht überhaupt jemand eine solch fragwürdige Sendung. Und wer ist das?
Die Macher.
Der Verein “Innocence in Danger” in maßgeblich an der Sendung beteiligt. Nun ist das aber nicht einfach irgendein Verein, der sich für den Schutz von Kindern einsetzt. Auffällig ist schließlich, dass andere Vereine sich gegen “Tatort Internet” aussprechen. “Innocence in Danger” spricht sich stark für sogenannte Internetsperren aus, fordert die Vorratsdatenspeicherung und ist Mitglied im europäischen Dachverband “European NGO Alliance for Child Safety Online”, eine von der Europäischen Kommission finanzierte Lobbyvereinigung die sich wie ihre 16 Mitglieder aus ganz Europa für Internetsperren einsetzt.
Schützt endlich unsere Kinder!
Immer wieder ruft es Stephanie zu Guttenberg in die Kamera, ohne dass der Zuschauer erfährt wie und von wem unsere Kinder geschützt werden sollen. An wen richtet sich der Apell?
Frau zu Guttenberg, Ehefrau von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, ist die Präsidentin von “Innocence in Danger”. Sie war bereits wenige Woche zuvor im ZDF bei Peter Hahne zu sehen, wo sie ihre zweifelhaften Thesen vortrug und Peter Hahne nicht etwa der kritische Journalist, sondern scheinbar ihr größter Fan war. Seinen Höhepunkt erreichte das Interview, als Peter Hahne die Internetsperren als die harte und konsequentere Lösung beschrieb und die Politik jetzt nur zu einem “typisch faulen Kompromiss” kam (zu sehen bei YouTube ab Minute 12). Wieso die Internetsperren so umstritten sind, wird mit keiner Silbe erwähnt.
Geschäftsführerin von “Innocence in Danger” ist Julia von Weiler, sie soll die Sicht einer Psychologin “Tatort Internet” vertreten. Das sie letztlich nur die Stimme von “Innocence in Danger” vertritt scheint logisch.
Beate Krafft-Schöning gibt sich im Internet als 13-jähirges Mädchen aus, chattet dort mit volljährigen Männern und stellt diese dann zur Rede vor laufender Kamera bloß. Daran scheint sie einen unbändingen Spaß zu haben. Menschen die vielleicht (!) etwas unrechtmäßigen tun würden, aber ganz sicher ernste Probleme haben, werden mit sinnlosen Fragen nur so überschüttet (Wie fühlen Sie sich dabei? Haben Sie Frau? Haben Sie Kinder? Was sagt Ihr Sohn dazu? Wie fühlen Sie sich dabei?) um sie danach wieder laufen zu lassen. Festhalten kann sie die vermeintlichen Täter natürlich nicht, schließlich ist sie keine Polizistin und selbst wenn sie eine wäre, hätte sie keine Handhabe, weil die vermeintlichen Täter nichts verbotenes getan haben. Und diesen Menschen zu helfen scheint für Beate Krafft-Schöning keine Option zu sein. Pädophile sind für sie wohl grundsätzlich keine Menschen, auch wenn sie nichts Unrechtes getan haben. Die verdienen weder Hilfe, noch Mitleid, noch haben sie Rechte.
Und dann ist da natürlich noch Udo Nagel, ehemaliger Polizeipräsident und Innensenator von Hamburg. Er moderiert die Sendung – eher schlecht als recht, aber das war ja auch nicht anders zu erwarten, so ganz ohne Moderationserfahrung. Aber warum stellt er sich für so eine Sendung zu Verfügung? Udo Nagel war von Ende 2008 bis Mitte 2010 Mitglied der Geschäftsführung der Prevent AG. Medienberichten zu Folge steht der Vorwurf im Raum, dass ein hochrangiger Prevent-Manager, einem Filialleiter der HSH Nordbank kinderpornographische Fotos untergeschoben haben soll um diesen entlassen zu können. Ob dies stimmt und Udo Nagel irgendetwas damit zu tun hat oder davon wusste ist natürlich nicht klar. Dennoch veranschaulicht der Fall, wozu gewisse Gesetze oder Gesetzesentwürfe dienen können. Dazu später mehr.
Auch RTLII – oder besser gesagt der Medienkonzern Bertelsmann, der die Aktienmehrheit der RTL Group besitzt – hat potentiell ein Interesse an Gesetzesänderungen (Internetsperren). Auch dazu später mehr.
Und nicht zu vergessen die BILD. Die BILD rührte von Anfang an die Werbetrommel für “Tatort Internet”, unterstützt die Sendung zu 100% und macht kräftig Druck auf die Politik. Jeder der sich gegen die geplanten Gesetze und/oder “Tatort Internet” ausspricht, wird direkt als Verlierer des Tages gebranndmarkt.
Um welche Gesetzesänderungen geht es? Und Wozu?
Kinderpornographie, Missbrauch und Vergewaltigung, sei es an Kindern oder Erwachsenen ist in Deutschland strafbar. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in irgendeinem Land der Welt anders ist. (Wenngleich sicherlich andere Kulturen etwas anderes unter Missbrauch verstehen.) Selbst das was in “Tatort Internet” suggeriert wird, also der Versuch oder die Chat-Konversation ist nach §176 StGB seit 2008 strafbar. Bei “Tatort Internet” chattet oder treffen die betroffenen Personen sich jedoch stets mit volljährigen die nur vorgeben jünger zu sein, daher ist es auch nicht strafbar. Was wollen die Macher also noch? Es geht wie schon erwähnt vor allem um Internetsperren und die Vorratsdatenspeicherung.
Internetsperren sind uneffektiv, da sie leicht umgangen werden können und die Inhalte nach wie vor auf den Servern liegen. Gegen Chaträume, naive Teenager und unverwantwortliche Eltern ist sie gar gänzlich machtlos. Außerdem wird dadurch eine Zensurinfrastruktur eingeführt. Bis diese missbraucht und verschärft wird, dürfte es nicht lange dauern. Schließlich sollen die Lobbyisten der Rechteinhaberindustrie Kinderpornographie deshalb “großartig” finden. Telepolis berichtete, dass sich Christian Engström (Abgeordneter der schwedischen Piratenpartei im EU-Parlament), Rick Falkvinge (Piratenpartei-Gründer) und Oscar Schwartz (Bürgerrechtler) Zugang zu einem von der US-Handelskammer veranstalteten Seminar verschafften wo ein Lobbyist folgendes gesagt haben soll:
Kinderpornografie ist großartig. Sie ist großartig, weil Politiker Kinderpornografie verstehen. Indem wir diese Karte ausspielen, können wir sie zum Handeln und zum Blockieren von Websites bringen. Und wenn sie das erst einmal gemacht haben, dann können wir sie dazu bringen, Filesharing-Sites zu blockieren.
Das dies alles andere als abwegig ist, war bereits in anderen Ländern – in denen es bereits diese Sperren gibt – zu beobachten. Beispielsweise wurde versucht, die Filesharing-Site “The Pirate Bay” auf eine solche Liste zu setzen. Auch in Frankreich, Österreich und Deutschland haben sich Interessenverbände bereits dahingehend geäußert. Und sind erst mal Filesharing-Sites geblockt, kann man ja auch verfassungsfeindliche Schriften wegsperren (heute wird so etwas, genauso wie Kinderpornographie, noch gelöscht!) und so kommt eins ums andere. Irgendwann wird auch die Politik feststellen müssen, wie leicht die Sperren in westlichen Ländern zu umgehen sind und dann werden wir eine sicherere Lösung benötigen – etwa so eine wie in China, wo alles nach Belieben gefiltert wird und man nur noch das Internet zu gesicht bekommt, dass der Regierung gefällt.
Die Vorratsdatenspeicherung macht wenig Sinn, da sich Pädophile – ob kriminell oder nicht – anonymisiert im Internet bewegen dürften. Dank einfacher Schritt-für-Schritt-Anleitungen muss man dazu kein IT-Experte sein.
Doch die Politik – die laut “Innocence in Danger” bisher tatenlos ist – hat noch ganz andere Vorhaben. So wurde diesen Monat beschlossen, eine Richtline zur Bekämpfung von Kindesmissbrauchs und von Kinderpornografie zu erlassen. Im Sinne der Richtlinie ist jede Person unter 18 Jahren ein Kind, eine Unterscheidung zwischen Kindern und Jugendlichen wird also nicht mehr gemacht. Wenn ein 18-jähriger ein Oben-ohne-Foto von seiner 17-jährigen Freundin auf seinem Handy hat, macht er sich also wegen Besitzes von Kinderpornographie Strafbar? Ferner gelten als Kinderpornographie dann nicht nur alle Filme und Bilder an denen “Kinder” (Personen unter 18 Jahren) beteiligt sind, sondern auch unechte realistische Darstellungen von Personen die gar nicht existieren, sowie von Personen die zwar Volljährig sind, aber das Erscheinungsbild eines Kindes haben. Neben Bildern und Filmen dürfte mit “jeglicher realistischen Darstellung” auch Zeichnungen und Schriften abgedeckt sein.
Nun kann sich jeder selbst überlegen, wie viele Filme, Musiktitel und Gedichte es gibt, in denen gegen die Richtlinie verstoßen würden. Doch das ist ja gar nicht das eigentliche Problem. Interessanter ist, dass eine erwachsene Frau sich nun nicht mehr nackt vor eine Kamera stellen dürfen soll, nur weil sie ein kindliches Erscheinungsbild hat. Doch, was ist überhaupt ein “kindliches Erscheinungsbild”? Ist das jeder der kleiner als 1,60m ist? Jeder mit Körbchengröße A? Jeder mit Zahnspange? Jeder mit Zöpfen? Der Begriff ist die reinste Willkür, ein kindliches Erscheinungsbild kann so ziemlich alles sein. Somit kann ein solches Gesetz wunderbar missbraucht werden (vergleiche Prevent AG/HSH Nordbank-Vorfall wie vorher geschildert).
All diese Gesetze sind in meinen Augen also weniger dem Schutz von Kindern dienlich, sondern vielmehr einzelnen Interessengruppen. Außerdem schränken sie die Freiheit eines jeden Bürgers ein.
Also einfach wegschauen?
Nein, natürlich nicht! Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern ist eine Straftat und gehört dementsprechend verfolgt und bestraft. Zunächst sollte man sich aber anschauen wo Kindesmissbrauch passiert. Zu 80%-90% passiert das nämlich im eigenen Umfeld. Die eigenen Eltern, Verwandte, Bekannte, Nachbarn oder wie es zuletzt in den Medien zu hören war, auch in der Kirche. Internet ist also kein Tatort, oder zumindest kein wesentlicher (es gibt ja auch den verbalen Missbrauch, z. B. beim Chatten). Der Tatort ist die Realität. Die Nachbarschaft. Wie man hier am besten vorgeht kann ich nicht sagen. Eine Idee wäre vielleicht mehr Sozialarbeiter, mehr Jugendhilfen, Aufklärung in der Schule und ähnliches. An einem gewissen Punkt muss man sich aber auch klar machen, dass es Verbrechen gibt, seit dem es Menschen gibt. Und man wird nie alle Verbrechen verhindern können, auch nicht im Überwachungs- oder Präventionsstaat.
Darüber hinaus ist natürlich auch die Gefahr aus dem Internet nicht wegzureden. Wie schon erwähnt gibt es auch verbalen Missbrauch und es ist bekannt, dass es in populären Chaträumen von Idioten nur so wimmelt. Diese müssen noch nicht mal 30+ sein, viele von denen, die Kinder dreckig anschreiben, sind bestimmt selbst Jugendliche die sich einen “scherz” erlauben. Was also tun? Chats überwachen? Verbieten? Beides wird nie funktionieren und kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Das A und O ist Aufklärung. Aufklärung für die Eltern und Aufklärung für die Kinder. Jedem fünfjährigen wird klar gemacht am Spielplatz nicht mit fremden Leuten mitzugehen, die einem einen Lolly anbieten. Gleiches muss im Internet gelten, zumal es hier weit aus leichter ist. Mit einem Klick auf das “X” oben rechts hat der Spuk ein Ende. Da muss man noch nicht mal einem großen, alten, übermächtig scheinenden alten Mann ausweichen, wie es im “echten Leben” der Fall ist. Eltern müssen in die Verantwortung genommen werden. Wenn ein 13-jähriges Mädchen mehrere Stunden am Tag chattet, viele SMS bekommt und sich mit älteren Männern trifft und die Eltern davon nichts mitbekommen, dann stimmt da was nicht. Liebe Eltern, schützt endlich unsere Kinder!
Auch Informationen durch das Fernsehen will ich nicht verteufeln. “Tatort Internet” aber, informiert nicht. Klärt nicht auf und ist nicht sachlich. Stattdessen werden Ängste geschürt, Lobbyismus betrieben und der Zuschauer unterhalten. Das ZDF zeigte am 21.10. eine Dokumentation zu dem gleichen Thema – um 0:35 Uhr (!). Da das Thema sehr wohl wichtig ist, sollte man so eine Dokumentation zumindest um 22:00 Uhr zeigen, wenn wenigstens noch ein paar Menschen vor der Flimmerkiste sitzen. Die Doku ist auch in der Mediathek zu sehen, allerdings nur zwischen 22:00 Uhr und 6:00 Uhr. Der Titel “Missbrauch per Mausklick” ist ähnlich schwachsinnig wie bei “Tatort Internet”, lässt sich aber verschmerzen, da es in der Doku ganz gezielt um Kinderpornographie im Internet geht. Gezeigt werden Ermittler der Polizei. Die Doku ist sachlich und schockierend. Gleichzeitig zeigt sie, wie Ermittler vorgehen und was sie dabei erleben. Leider gibt es auch in dieser Sendung die Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung. Dennoch ist die Doku auf einem sehr hohen Niveau und verdeutlicht noch Mals wie schlecht “Tatort Internet” gemacht ist.
Wieso wollte “Innocent in Danger” kein solch seriöses Format? Ach ja, die Antwort habe ich ja schon gegeben. Womit sich der Kreis hier schließt…